Du sitzt ganz chilli marilli zuhause, isst einen Snack und führst nichts böses im Schilde. Plötzlich stürmt die Polizei dein Haus, nimmt dich fest und wirft dir Drogenhandel, Waffenbesitz und illegale Gang-Aktivitäten vor. Doch das einzige Verbrechen, das du jemals begangen hast, war die Schokolade deines Bruders zu essen…ohne ihn vorher zu fragen!

Liegt hier eine Verwechslung vor? Nö, nicht wenn du in Los Angeles wohnst und den dort herrschenden Predictive Policing-Maßnahmen ausgesetzt bist. Privatsphäre spielt bei der dort eingesetzten Technik eine verschwindende Rolle.

Was ist Predictive Policing?

Direkt übersetzt würde der Begriff soviel wie „vorausschauende Polizeiarbeit” bedeuten. Manche bevorzugen die Bezeichnung der „vorhersagenden Polizeiarbeit.” Mithilfe von Softwaresystemen und Algorithmen sollen zukünftige Verbrechen prognostiziert werden. Genauer gesagt sogar Deliktart, Tatort und Tatzeitraum. Ziel ist es, Straftaten zu verhindern, bevor sie überhaupt begangen werden. Zentraleuropa (auch Österreich!) und die USA setzen bereits auf diese Art der Verbrechensbekämpfung. Die USA allerdings in einem ganz anderen Ausmaß, als wir es hierzulande tun. Ganz nach dem Motto:„Kontrolle ist gut, Überwachung ist besser!”, erfassen dort Kameras mit Gesichtserkennung, Nummernschild-Leser und Drohnen jeden Schritt in der Öffentlichkeit. Wir beschränken uns heute auf die Vorgehensweisen der USA (genauer der Polizei in Los Angeles), dem Albtraum für Datenschützer.

Wie versucht die Polizei, Verbrechen vorherzusagen?

Glaskugeln, Tarot-Karten und Handlesen? Natürlich nicht, jedoch ist das Arsenal an Daten, Programmen und Überwachungstechnologien nicht weniger fragwürdig. Beamte sind angehalten, sogenannte „Field Interview Cards” (unscheinbare Karteikarten), bei jeder Begegnung mit Bürgern auszufüllen. Egal ob bei einem Verkehrsunfall, oder einer einfachen Unterhaltung an einer Ampel. Vermerkt werden darauf Namen, Geburtsdatum, Telefonnummer, Adresse, Alter und Kleidung. Ich frage mich, wie wohl verdächtige Kleidung aussieht 🤔. Doch die Polizei will mehr, irgendwo müssen die Daten ja auch herkommen. Spitznamen, Sozialversicherungsnummer, Bewährungsstatus und Gang-Mitgliedschaften werden ebenso in die Karten eingetragen. Und wieder frage ich mich, wer wohl zu einem Polizisten sagen würde:„Aber klar doch Herr Officer, natürlich bin ich in einer Gang! Wollen sie mal zum Treffen mitkommen?” 

Du bist mit einem Fahrzeug oder einer Begleitperson unterwegs? Klasse, noch mehr Daten! Aufkleber, Schäden und besondere Ausstattung notiert der nette Beamte gleich im Feld für Fahrzeugmerkmale. Wahrscheinlich ahnen nur die wenigsten, dass die Nachfrage nach dem Namen der Begleitperson dazu dient, Beziehungsnetzwerke erstellen zu können. Auf den tausenden Kameras im öffentlichen Raum, die Gesichter auch noch in 200 Meter Entfernung erkennen, haben sie euch dann auch noch permanent im Blick. Ach ja, sie wissen auch, wo ihr in der Vergangenheit so wart. Zudem gleichen die Kameras eure Gesichter nämlich in Echtzeit mit Datenbanken ab. Außerdem befinden sich auf den Dächern sämtlicher Polizeiautos und Abschleppwagen automatische Nummernschild-Leser. So konnten alleine in den letzten Jahren 160 Millionen Datenpunkte gesammelt werden. Diese Datenpunkte geben Auskunft darüber, wann und wo ein Fahrzeug angetroffen wurde. Passiert ein gestohlenes Fahrzeug eines dieser Geräte, löst es in Echtzeit Alarm aus.

Noch einfacher: Daten kaufen

Das jegliche Aktivitäten auf dem Boden zusätzlich mit Drohnen und Flugzeugen, ausgestattet mit hochauflösenden Kameras, überwacht werden, ist fast schon klar. Behörden zeigen aber auch ein immer größeres Interesse an Kommunikationsdaten. Digital-Receiver-Boxen registrieren in Los Angeles Smartphones und erfassen mobile Kommunikation. Aber he, warum sollte man selbst Daten sammeln, wenn man sie auch einfach kaufen kann? In den letzten Jahren wurden vor allem Kommunikationsdaten wie Anschlussbesitzer und angerufene Telefonnummern gekauft. Um auf dem Dienstweg an diese Daten zu kommen, bräuchte sie jedes einzelne Mal einen richterlichen Beschluss. „Nein danke, keinen Bock”, sagt die Polizei in Los Angeles dazu und kauft Millionen Datensätze bei kommerziellen Informationsvermittlern. Auf gleichem Wege beschafft sie sich Informationen aus sozialen Netzwerken, privaten Gesundheitsdiensten, Zwangsvollstreckungen und psychiatrischen Versorgungsdiensten.

Wir möchten mehr!

Die totale Überwachung ist natürlich noch nicht genug, man will auch die Zukunft verstärkt ins Auge nehmen! Auf Basis bereits erfasster Daten sollen Softwareprogramme vorhersehen, wo in naher Zukunft Einbrüche oder Überfälle geschehen werden. Durch diesen eingegrenzten Bereich wird dann vermehrt Streife gefahren. Doch auch Taten einzelner Personen möchte man mit den datenbasierten Vorhersageprogrammen zu verhindern versuchen. Dafür kommt ein Team zum Einsatz, das Menschen erfasst, die es im Verdacht hat in Zukunft Straftaten zu begehen. Müssen diese „Verdächtigen” zuvor schon einmal auffällig gewesen sein? Nein, bereits „falsche Freunde” reichen aus, um auf der Liste zu lande. Die Folgen, wenn du einmal auf der Liste stehst? Im besten Fall wirst du nur angesprochen und verwarnt. Wirst du jedoch als „höchst verdächtig” eingestuft (vielleicht wegen deiner Kleidung oder deiner Autoaufkleber), dann steht Beobachtung und Überwachung an deiner Tagesordnung.

Die Technik irrt nicht!

Zurück zu meinem eingangs erwähnten Beispiel. Wie könnte die Polizei also nun auf die Idee kommen, dich mit Gang-Aktivitäten und Drogenhandel in Verbindung zu bringen? Hier ein paar Beispiele, wie Daten über dich mit den genannten Verbrechen in Verbindung gebracht worden sein könnten:

  • Dein Ex-Freund trat zehn Jahre nach eurer Trennung einer Gang bei und verkauft Drogen. Ihr seid nur noch auf Facebook befreundet und habt losen Kontakt über WhatsApp. Von seinen kriminellen Aktivitäten hattest du keine Ahnung. Außerdem fährst du ein Auto, das an der Stoßstange einige Kratzer aufweist und beklebst es gerne mit Stickern deiner Lieblingsband, die sich positiv gegenüber Drogen äußern. Grün ist deine Lieblingsfarbe, deshalb trägst du auch oft grüne Kleider. Das deutet doch sehr auf den Konsum von Gras hin, lol.
  • Kameras erkenne dein Gesicht oft in bekannten Drogenvierteln. Auch dein Auto parkst du häufig auf einem Großparkplatz, der als „Dealer-Parkplatz” bekannt ist. Du hast noch nie etwas gekauft oder konsumiert, lediglich deine Mutter wohnt in diesem Viertel. Hingezogen ist sie schon vor über 30 Jahren, als dieser Stadtteil noch ein hübscher Vorort war. Ihre Wohnung möchte sie trotzdem nicht aufgeben, sie fühlt sich dort sicher.
  • Dein Facebook-Profil wurde gehackt und der Angreifer verbreitet nun Postings in deinem Namen. Er stellt dich als Gangmitglied dar, postet Bilder von illegalen Substanzen und liefert dich der Polizei quasi aus. Selbst wenn du die Polizei von deiner Unschuld überzeugen kannst, das Internet vergisst nichts.

Ohne Zweifel: Diese Beispiele sind absolut an den Haaren herbeigezogen und (hoffentlich!) wird auch die Polizei in Los Angeles nicht so schnell ihre Schlüsse ziehen. Die Tendenz geht jedoch in diese Richtung, alleine angesichts der „netten Field Interview Cards.” Allem Anschein nach handelt die Polizei in LA nach dem Grundsatz:„Die Technik irrt nicht!”

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Quellen:
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/predictive-policing-in-los-angeles-kontrolle-ist-gut-ueberwachung-ist-besser-a-1188578.html
https://www.forbes.at/artikel/predictive-policing.html